| Notizen |
- Leben und Wirken
Herkunftsfamilie und Kindheit
Glikl stammte aus einer aschkenasischen Familie, die in Hamburg in wohlhabenden Verhältnissen lebte. Ihr Großvater Nathan hatte sich nach der Vertreibung aus Detmold in Altona niedergelassen, wo Graf Ernst von Holstein-Pinneberg Anfang des 17. Jahrhunderts Religionsfreiheit erlassen hatte, um Kaufleute in den aufstrebenden Handelsort zu locken, eine Politik, die nach dem Aussterben der Grafen von Schauenburg und Holstein 1640 von dem dänischen König Christian IV. und seinen Nachfolgern fortgesetzt wurde.
Glikls Vater war Juda Joseph ben Nathan (~1595 – 6. Januar 1670),[4] auch genannt Leib oder Löb Pinkerle oder Staden.[5] Die Namensform „Leib“ (jiddisch für „Löwe“) ist gemäß Gen 49,9 EU der Beiname des Stammvaters Juda; „Staden“ bezeichnet möglicherweise Stade als Geburtsort. Er war ein erfolgreicher, wohlangesehener Diamantenhändler und Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Altona. Aus seiner ersten Ehe hatte er keine Kinder. Ihre Mutter, die Geschäftsfrau Beila bas Nathan aus Ellrich,[6] war seine zweite Frau und sehr viel jünger als er.[7] Als Witwe verheiratete sie sich nicht wieder und starb 1704, mehr als 30 Jahre nach ihrem Mann.[8] Beide sind auf dem Jüdischen Friedhof in Altona beigesetzt wie auch etliche Familienmitglieder. In der Ehe wurden mindestens ein Sohn, der Toragelehrte Awraham Binjamin Wolf,[9] und vier Töchter geboren, von denen Glikl vermutlich die älteste war.
Die Familie war vor Glikls Geburt wegen der besseren Geschäftsmöglichkeiten nach Hamburg gezogen. Hamburg hatte den Dreißigjährigen Krieg fast unbeschadet überstanden und war eine aufblühende Handelsstadt, in der seit dem 16. Jahrhundert sephardische oder portugiesische Juden mit Unterstützung des Senats ansässig waren. Glikls Familie gehörte zu den aschkenasischen oder deutschen Juden, die bis 1712 rechtlich schlechter gestellt waren als die Sepharden und auch keine eigene Synagoge in der Stadt hatten. Glikls Jugend wurde von dem damals stets vorhandenen latenten Hass auf die jüdische Gemeinde überschattet. Als Kleinkind erlebte sie 1649 die Vertreibung derjenigen deutschen Juden aus Hamburg, die sich – wie offensichtlich auch ihre Eltern – ohne besondere Erlaubnis des Hamburger Rats in der Stadt niedergelassen hatten.[10] Daraufhin lebte ihre Familie eine Zeitlang wieder im benachbarten Altona. 1657/58 flohen die Altonaer Juden vor dem schwedischen Angriff auf Altona nach Hamburg. Glikls Vater war der erste, dem es nach der Rückkehr in die Stadt gelang, eine offizielle Erlaubnis zur Ansiedlung in Hamburg zu erhalten.[11]
Erste Ehe
Wie es in jüdischen Familien üblich war, heiratete sie sehr jung: Als Zwölfjährige wurde Glikl in Hameln mit Chaijm von Hameln oder Goldschmidt, einem Verwandten des reichen Hamburger Kaufmanns Chajim Fürst, verlobt und zwei Jahre später noch vor ihrem 14. Geburtstag verheiratet. Ihr Mann, der nur wenige Jahre älter war, stammte aus „einer der ältesten und bedeutendsten jüdischen Familien in Norddeutschland“.[12]
Nach einem Jahr im Haus der Schwiegereltern zog das junge Paar nach Hamburg, „denn Hameln war kein Ort der Handelschaft“.[13] Zunächst lebten sie bei ihren Eltern, während Chaijm erste Erfahrung als Kaufmann sammelte. Die beiden führten eine glückliche, partnerschaftliche Ehe. Glikl bekam vierzehn Kinder, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten und selbst heirateten. Ihr erstes Kind wurde wenige Tage, bevor ihre Mutter ihre kleine Schwester Riwka zur Welt brachte, geboren. Chaijm nahm einen Perlen- und Juwelenhandel auf, der viele Reisen von ihm erforderte. Glikl, die auch sonst für die Einlösung der Pfänder von Kaufleuten zuständig war, musste in der Zwischenzeit das Geschäft in Hamburg alleine führen.
Während der Pest, die Hamburg 1664 heimsuchte, zog sie vorübergehend zu ihren Schwiegereltern nach Hameln. 1666 erlebte sie die allgemeine Euphorie um den angeblichen Messias Schabbtai Zvi. Es ist das einzige Mal, dass sie von Kontakten zu den Sepharden berichtet, über deren Netzwerk sich die Nachricht von dem Messias verbreitete und deren Begeisterung auch die Aschkenasen ansteckte. Nicht Wenige verkauften Hab und Gut, um von Hamburg aus die Schiffsreise in das Heilige Land anzutreten. Auch Glikls Schwiegervater veräußerte sein Haus in Hameln, schickte einige Reisekisten zum Sohn nach Hamburg und zog nach Hildesheim, um dort auf den richtigen Zeitpunkt für die Übersiedlung zu warten. Doch noch im selben Jahr konvertierte Schabbtai Zvi zum Islam und beendete somit die Hoffnung auf die Erlösung Israels und den Neubau des Jerusalemer Tempels. Für Glikl fiel diese Enttäuschung mit dem Tod ihrer dreijährigen Tochter Mate zusammen.[14] Die Schwiegereltern blieben in Hildesheim, wo Glikl und ihr Mann sie einige Jahre später zusammen mit ihrem damals jüngsten Sohn, den sie noch stillte, besuchten.
Zwei Jahre später, um 1674, brachten sie ihre 13-jährige älteste Tochter Zippora zu deren Hochzeit nach Kleve. Zipporas 18-jähriger Ehemann Kosmann war ein Sohn des Brandenburger Hofjuden Elias Gomperz. Er gründete 1688 eine hebräische Druckerei in Amsterdam, die 1695 eine Haggada herausbrachte, die die aschkenasischen und sephardischen Seder-Traditionen vereinte.[15] Zur Familie Gomperz bestanden bereits verwandtschaftliche Beziehungen, denn Glikls Schwester Hendele war mit einem Onkel von Zipporas Bräutigam verheiratet. Eine ältere Schwester von Kosmann Gomperz wurde einige Jahre später die Schwiegermutter von Glikls jüngerer Tochter Esther. Bei Zipporas prunkvoller Hochzeit waren auch der spätere Brandenburger Kurfürst und preußische König Friedrich und der Statthalter von Kleve, Moritz von Nassau, anwesend.[16] Auf derselben Reise begleitete Glikl ihren Mann zum ersten Mal nach Amsterdam, das sich zu dieser Zeit zum zentralen Umschlagplatz für Juwelen entwickelte.[17] Glikls jüngste Schwester Riwka (~1662–1727) heiratete 1676 Samuel Löb, einen Neffen von Chaijm, und lebte mit ihm ebenfalls in Hamburg.[18]
Witwe und selbständige Kauffrau
Kurz nach der Geburt des jüngsten Kindes starb am 16. Januar 1689 ihr Mann Chaijm, inzwischen ein angesehener und einflussreicher Geschäftsmann, an den Folgen eines Unfalls und hinterließ ihr 20.000 Reichstaler Schulden. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Altona beigesetzt.[19] Glikl war mit acht noch unverheirateten Kindern auf sich alleine gestellt. Wie andere Witwen, etwa ihre Mutter und Großmutter,[20] führte sie die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes weiter. Binnen eines Jahres konnte sie die Schulden abzahlen. In der Folge wurde sie zu einer sehr erfolgreichen Geschäftsfrau, die mit Paris, Amsterdam, Wien, Leipzig, Berlin und Metz handelte und auch sich häufig selbst auf Reisen begab. Neben dem Diamanten- und Perlenhandel ließ sie in Hamburg Strümpfe herstellen. Regelmäßig besuchte sie mit ihrem ältesten Sohn Nathan, der mit seiner Frau Mirjam Ballin in Hamburg lebte, die Messen in Braunschweig, Leipzig und Frankfurt.
Es gelang ihr, den Wohlstand der Familie zu mehren und alle ihre Kinder in wohlhabende und prominente jüdische Familien einheiraten zu lassen. Mit der Verheiratung ihrer Kinder erweiterte und festigte sie auch ihr eigenes Handelsnetzwerk. Sie unterstützte ihre Kinder und deren Ehepartner bei Geschäftsgründungen, indem sie mit ihrem guten Namen für sie bürgte. Der Sohn Sanwil (Samuel) wurde von seinem Schwager Samson Wertheimer in dessen Haus aufgenommen und zum Rabbiner ausgebildet. Er starb jedoch schon vor der Geburt seines einzigen Kindes. Auch die Tochter Hendele und der Sohn Löb verstarben jung, Hendele nur wenige Wochen nach ihrer Hochzeit. Die anderen Söhne wurden erfolgreiche Kaufleute in Hamburg, Kopenhagen und London. Der jüngste Sohn Moses wurde Hoffaktor und 1728 Landesrabbiner in Ansbach.[21]
1700 heiratete Glikl in der Hoffnung auf ein behagliches Alter den etwa 60-jährigen Witwer Hirsch (oder Cerf) Isaac Levi Rabbin, einen reichen Bankier und Gemeindevorsteher in Metz, ohne ihn vorher persönlich kennengelernt zu haben. Sein geschäftlicher Zusammenbruch stürzte beide jedoch in Armut.[22] Glikl gelang es immerhin, die Mitgift der jüngsten, noch unverheirateten Tochter Mirjam zu retten. Sie nahm ihre eigenständige Handelstätigkeit wieder auf, um nicht nur auf die Unterstützung durch die Kinder angewiesen zu sein.[23] Das war ungewöhnlich, denn während der Ehe hatte normalerweise der Mann die alleinige Verfügungsgewalt über das Familienvermögen.[20] Hirsch starb 1712. Über Glikls letzte Lebensjahre ist nichts bekannt. Sie starb 1724 im Haus ihrer Tochter Esther, die mit dem reichen Gemeindevorsteher Moses Krumbach in Metz verheiratet war.
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