| Notizen |
- Personalien von Antoniette Mayer-Henking 1860-1921.
In Verona am 18. November 1860 im väterlichen Hause, Via San Nicolo geboren, verbrachte ich eine glückliche Kindheit, umgeben von elterlicher und meiner grössern Geschwister Liebe. Im Winter lebten wir in der Stadt, die andern Jahreszeiten auf den verschiedenen Landgütern, wo uns überall grosse Gärten zur Verfügung standen, um uns im Spiel zu tummeln.
Ich war die zweitjüngste von sieben Geschwistern und konnte mit meiner jüngsten Schwester, welche mir auch Freundin war, bei meinen Eltern verbleiben, die ältern Geschwister kamen fort, die Brüder nach St. Gallen in die Kantonsschule, die Schwestern nach Rorschach in das Institut Bäumlistorkel.
In den Sommerferien kamen wir von Italien nach Rheineck, wo mein Eltern ein Gütchen im Bauriet kauften, sodass wir Kinder einander nicht fremd wurden. Es war immer ein freudiges Ereignis für uns Kinder in die Schweiz zu dürfen, erst die Reise über den Brenner, Arlberg oder Splügen mit der Extrapost, das Uebernachten in den verschiedenen Bergdörflein noch manchmal mitten im Schnee, welcher uns etwas seltenes war. Die Wochen im Blumengarten im Bauriet waren nur Genuss für uns alle wieder vereinigt. Mit zwölf Jahren war ich das letzte Mal dort (1872). Nachher besuchten meine Schwester und ich eine Privattöchterschule in Verona und die Ferien stimmten nicht mehr überein. Als ich 15 Jahre alt war, erkrankte mein lieber Vater an einem schweren Blasenleiden. Der Arzt riet ihm den Aufenthalt am Gardasee, wo wir dann den grössten Teil des Jahres weilten, auf einem Gut das meiner Mutter gehörte. Mein Vater liess Haus und Garten umbauen; auch dort war es uns vergönnt, schöne Jahre zu verleben, obwohl sie viel verdunkelt waren durch das schwere Leiden meines Vaters. Ich besuchte oft meinen Bruder in Bergamo, auch dort verbrachte ich schöne Zeiten, war mir doch meine Schwägerin ein liebe Schwestern und die Kinder so lieb wie eigene. Nach und nach heirateten meine Schwestern und ich blieb allein als letzte bei meinen alten Eltern. Das Gut am Gardasee war zu einsam nur für drei Personen auch wurde mein Vater immer schwächer. Da kaufte er eine kleine Villa in San Martino bei Verona, wo wir dann die meiste Zeit wohnten.
Eines Tages kam wieder einmal St. Galler Besuch, nach kurzer Zeit verlobte ich mich mit Theodor Otto Mayer; nach einem Vierteljahr feierten wir in San Martino Hochzeit. Mit einem schönen Umweg über Venedig, Florenz, Pisa, Livorno, Genua, Riviera, Marseille, Lyon, Genf, Bern, Zürich, langten wir anfangs November 1887 in St. Gallen an.
Ich ward sehr liebevoll von der Familie meines Mannes aufgenommen und obwohl mir unsere grosse und kinderreiche Familie sehr fehlte, gewöhnte ich mich bald an die neuen Verhältnisse, umgeben von der rücksichtsvollen Liebe meines Mannes. Nach und nach konnte ich mich auch an den vielen Schnee gewöhnen.
Nach einem Jahr im Ekkehard am Brühl hatten wir den grossen Schmerz, dass uns ein totes Mädchen ward. Wir zogen dann in die Rosenbergstrasse, wo wir ein Haus kauften. Einstweilen starb nach langen Qualen mein lieber, guter Vater und zu gleicher Zeit mussten wir in das Gräblein unserer kleinen Helene noch Zwillinge versenken die zu früh gekommen waren, da war es des Leides fast zu viel! Das Jahr darauf schenkte uns Gott ein gesundes Töchterlein und die Freude war unglaublich gross! Leider kam dann nach 5 Monaten neues Leid über uns, durch unverschuldetes Unglück im Geschäft, sodass nach näherer Untersuchung nicht mehr viel für uns blieb. Mein Mann musste sich eine Stelle in Zürich suchen, es wurde ihm furchtbar hart von St. Gallen zu scheiden, liebte er doch seine Vaterstadt über alles. Ich hatte schwere Zeiten in Zürich, fremd, in sehr bescheidenen Verhältnissen und mit meinem lieben Mann, welcher sich nicht in das Neue finden konnte. Da war unsere liebe Mili unser einziger Sonnenstrahl und gedieh sie trotz Einfachheit sehr gut und wurde ein liebes Kind. Nach 2 Jahren kam unser erstes Bübchen (Karl Otto) und mit ihm eine kleine Erbschaft des Bruders meiner Mutter. Wir konnten ein Haus kaufen und hatten einen kleinen Garten für die Kinder. Ich hoffte nun, mein Mann könne sich besser in die Verhältnisse finden und es schien auch so, aber nur kurz. Dann kam die Häuserkrisis in Zürich und wir hatten viel Mühe, unser Haus ohne Verlust loszuschlagen. Einstweilen kam uns noch ein Büblein (Hermi) zur Welt und auch es bereitete uns grosse Freude. Am Tage meiner Geburt verlor ich meine liebe Mama im fernen Verona.
Mein lieber Mann wurde immer düsterer, klagte viel und starb im Juli 1900, mich trostlos mit den unerzogenen Kindern und ohne Mittel zurücklassend. Nach seinem Tode kam ich zu lieben Verwandten nach St. Gallen und dann 6 Wochen an den Gardasee zu meinem Bruder, wo er und meine Schwägerin sich bemühten mich mein Leid vergessen zu machen. Sie wollten mich zu sich nach Bergamo nehmen, ich hatte aber nicht den Mut, mich von den zwei Bübchen zu trennen, hatte ich sie doch im Waisenhaus in St. Gallen lassen müssen und nur Mili behalten können. Ich hatte mir vorgenommen mein Leben meinen Kindern zu widmen und aus ihnen starke, lebenstüchtige Menschen zu machen. Ich blieb meinem Vorsatz treu. Für ein halbes Jahr kehrte ich nach Zürich zurück und siedelte dann nach St. Gallen über, in der Hoffnung an den Verwandten meines Mannes eine Stütze zu haben. Alle hatten aber schwer mit sich zu tun, sodass ich sofort einsah, dass ich mich selber durchbeissen müsse. Gott, zu dem ich immer gehalten und gebetet habe, verliess mich auch in den schwersten Zeiten von Krankheit und pekuniaren Nöten nicht. Ich habe nach 20 Jahren Arbeit an meinen Kindern und an mir die Freude erleben können, dass alle drei Kinder selbständig geworden sind und mich durch ihre Liebe und Sorgfalt manch schöne Stunde erleben liessen.
Ich möchte noch weiter meinen Kindern eine helfende Mutter sein, aber meine Gesundheit erlaubt mir keine grosse Arbeit mehr.
Ich bin sehr dankbar und froh, dass mein ältester Sohn eine treue Gefährtin an unsrer lieben Maria fand und ich es erleben konnte letzten Frühling meinen ersten Enkel zu schaukeln. (Otto Mayer)
Ich bin allen dankbar, die mir halfen mein Leben mit treuer Freundschaft zu erleichtern und füge mich in Gottes Willen, welcher sagt: bis hieher und nicht weiter.
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